Unterwegs im überfluteten Myanmar

Hilfe in Not
Unterwegs im überfluteten Myanmar

Wie aus einem Unterrichtseinsatz eine Katastrophenhilfe wurde

„Ein Schüler der 10. Klasse hatte schon alle Sachen gepackt und wartete nur noch auf seine Verwandten, die ihn abholen sollten“, erzählte mir Suan, der Heimleiter, als ich mich gerade auf die Abendpredigt vorbereitete. „Ich war überrascht und fragte ihn“, so Suan, „warum er uns verlassen wolle? Ihm kamen die Tränen. Er sagte, er würde liebend gerne bleiben, aber niemand könne für ihn das Schulgeld bezahlen. Sein Vater ist vor fünf Jahren gestorben und seine Mutter ist so krank, dass sie nicht mehr arbeiten kann. Er ist ein wirklich fleißiger und hilfsbereiter junger Mann“, so Suan weiter. „ Und wenn er sogar vor mir anfängt zu weinen, muss er wirklich verzweifelt sein. Ich habe ihn ermutigt, noch zwei Tage zu bleiben und zu beten. Kannst du vielleicht etwas für ihn tun?“

Ich war bewegt. Genau deswegen war ich hier: im Norden von Myanmar an der UMAS, dem Upper Myanmar Adventist Seminary in Kalaymyo, einer Schule mit fast 600 Schülern. Von den mitgebrachten Spenden zahlte ich ihm das Schulgeld für ein Jahr. Er war unendlich dankbar und erleichtert. Allein deswegen hatte sich die lange Reise gelohnt.

Letzten Sommer hatte ich mit zwei Freunden (Raffael und Christian) dafür gebetet, in unserer Ferienzeit für Gott aktiv werden zu können. So waren wir im Jahr 2014 für ein paar Wochen als Englischlehrer an diese Schule gekommen. Im Sommer 2015 flog ich nun allein hin. Gott hatte mir wieder Spendengelder geschenkt.

In Mandalay angekommen, wollte ich statt eines teuren Inlandfluges den Bus nach Kalaymyo nehmen. Doch genau zu dem Zeitpunkt wurde Myanmar von einer Jahrhundertflut überrascht. Aus der 15-stündigen Busfahrt wurden fünf abenteuerliche Tage. Ich verbrachte insgesamt drei Nächte im Bus. Dort freundete ich mich mit Hanna, einer jungen Christin, an. Sie war die einzige, die gut Englisch sprach. Als ich in der Ortschaft Gangaw krank wurde, war sie mir eine große Hilfe. Es dauerte fast drei Tage, bis das Wasser zurückgegangen war und wir weiterfahren konnten. Doch an einer halb zerstörten Brücke musste der Bus endgültig anhalten.

Wir nahmen unser Gepäck und gingen zu Fuß weiter. Die nächste Brücke war komplett weggeschwemmt. Deshalb ließen wir uns per Seil ans andere Ufer bringen. Nach einer weiteren Autofahrt kamen Soldaten auf mich zu und fragten, ob ich Miss Debora sei. Die Lehrer in Kalaymyo hatten das Militär informiert. So durften Hanna und ich in ein Boot umsteigen. Wir fuhren über zweieinhalb Stunden an überfluteten Ortschaften vorbei. Das ganze Tal stand unter Wasser. In Kalaymyo angekommen fuhren wir teils über, später unter den Stromleitungen hindurch – so hoch stand das Wasser. Überall saßen Menschen auf den Dächern oder paddelten in selbstgebauten Booten umher. Ich war tief betroffen von dem Ausmaß der Flut und Gott unendlich dankbar, als wir endlich in Sicherheit waren. In völliger Abhängigkeit von IHM im Gebet hatte ich seine Kraft und seinen Frieden erlebt!

Die Schule war nicht direkt von der Flut betroffen. Durch die vielen zerstörten Reisfelder im Umland stiegen jedoch die Lebensmittelpreise. Um weiterhin täglich 170 Internatsschüler mit Essen versorgen zu können, fehlten nun die Mittel. Auch die Lehrer mussten mit ihrem knappen Gehalt von umgerechnet ca. 55 Euro im Monat noch sparsamer umgehen.

Das Wasser ging zwar bald zurück, hinterließ aber ein Bild der Zerstörung und Unmengen an Schlamm. An einem Vormittag half ich zusammen mit einigen Schülern beim Aufräumen in einem staatlichen College. Mit einfachsten Mitteln versuchten wir, den Schlamm aus den Klassenzimmern zu entfernen.

Mein Vorschlag, ein Benefizkonzert zu veranstalten, wurde trotz anfänglicher Skepsis angenommen. Hanna hatte mich in ihre Gemeinde (Assembly of God) zum Predigen eingeladen. Dort hatte ich von einer Musikschule erfahren, bei der ich ein Klavier für das Konzert leihen konnte – wahrscheinlich das einzige in ganz Kalaymyo. Chor, Keyboard-Schüler, solistische Gesangsbeiträge und Instrumentalstücke bildeten ein buntes Programm, und der Saal war voll!

Als wir immer mehr Nachrichten aus den umliegenden Ortschaften erhielten, bat ich Freunde und Bekannte per E-mail um Spenden für die Flutopfer. Die Resonanz war überwältigend! Meine Mails wurden weitergeleitet, und so erhielt ich sogar Spenden von Menschen, die ich nicht kannte. Am zweiten Sabbat fuhren wir mit Motorrollern in das Dorf Pyidawtha. Alle Brücken im Umland waren zerstört und teils durch selbstgebaute Bambusbrücken ersetzt. Nach dem Gottesdienst verteilten wir Kleidungssets und 25 Reissäcke an 77 Flüchtlinge. Die Dankbarkeit war unbeschreiblich groß! Das Wasser war überraschend in der Nacht gekommen. Deshalb hatte eine Adventistin nur ihre Bibel und das Gesangbuch retten können.

Auch in das vier Stunden weit entfernte Singgial fuhren wir über Schlaglochstraßen sowie durch Schlamm und Wasser. Die Flut hatte eine zwei Meter dicke Schlammschicht hinterlassen und um das Dorf herum alle Reisfelder zerstört. Wie in Pyidawtha gehörten auch in Singgial einige Reisfelder zu der dortigen adventistischen Schule. Von ihrem Ertrag wurden die Lehrer bezahlt. Beiden Schulen konnte ich erste Notfallhilfe leisten. Für sie war mein Kommen und die Spenden aus Deutschland eine große Ermutigung. In beiden Dörfern war ich die erste Ausländerin, die sie zu Gesicht bekamen.

Die Erlebnisse meiner drei intensiven Wochen in Myanmar sind kaum in Worte zu fassen. Ich war tief beeindruckt von der Opferbereitschaft und dem Gottvertrauen unserer Geschwister dort, und ich bin froh, dass ich sie ermutigen, für sie beten und sie unterstützen konnte. Wir können viel von ihnen lernen. Es ist hart genug, ohne fließend Wasser, zuverlässigen Strom, kostenlose medizinische Versorgung und ausreichende Bildungsmöglichkeiten zu leben. Nun ist teilweise auch noch ihr Leben bedroht! Vielleicht hat mich Gott gerade in ihre Notlage geschickt. Es war unglaublich schön, sein Segenskanal zu sein. ER hat mir Kraft gegeben, alle Herausforderungen zu meistern. Raffael ist nun bis Januar vor Ort, und ich organisiere Patenschaften und die Verteilung weiterer Spendengelder. Ein Verein soll dauerhafte Unterstützung ermöglichen. Es begann mit Gebet, geht weiter mit Gebet, und ich bin gespannt, was Gott noch daraus machen wird. Es ist SEIN Projekt!

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